Politik

Russisches Schach: Bauernopfer für Putin

Das Urteil gegen zwei der mutmaßlichen Bombenleger, die 1999 drei Wohnhäuser und mit ihnen 246 Menschen in die Luft sprengten, wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Und Zucker ist dabei das Salz in der Suppe eines gewaltigen Verschwörungskomplotts, das die Wiederwahl Putins im März sichern soll.

Die oberflächlichen Fakten sind schnell erzählt: Bei Sprengstoffanschlägen auf drei Wohnhäuser in Moskau und Wolgodonsk sterben 1999 insgesamt 246 russische Bürger. Die mutmaßlich Schuldigen sind schnell identifiziert � die russische Version der „Achse des Bösen“ verläuft mitten durch Tschetschenien. Das russische Volk verlangt Blutzoll und Wladimir Putin gibt ihm, wonach es ihm dürstet. Seine Wahl zum Präsidenten im März 2000 ist nur noch Formsache.

Beinahe fünf Jahre lang ließ Moskau den Fall dann auf sich beruhen, erklärte alles zur geheimen Verschlusssache. Doch Mitte März diesen Jahres würde Putin gerne wiedergewählt werden � und prompt keimen Gerüchte auf, der Inlandsgeheimdienst FSB (der frühere KGB) selbst habe 1999 die verheerenden Bomben gezündet, um dem früheren FSB-Chef Putin den Weg ins Präsidentenamt zu ebnen.

Zucker könnte Putin die Suppe versalzen

Solche Meldungen sind natürlich Gift für einen Wahlkampf. Also wird kurzerhand ein Geheimprozess gegen zwei der mutmaßlichen Attentäter eröffnet, die Anfang Januar auch ohne viel Federlesen verurteilt werden. Die übrigens sechs Tatverdächtigen sollen praktischerweise schon auf anderem Wege ums Leben gekommen sein.

Die beiden Angeklagten wurden für schuldig befunden, insgesamt sechs Tonnen als Zucker getarnten Sprengstoff für die Attentate transportiert zu haben. Genau dieser „Zucker“ könnte Putin und seinem Stab nun die Suppe gehörig versalzen.

Während der Anschlagsserie in Moskau entdeckte nämlich ein aufmerksamer Busfahrer im Keller seines Wohnhauses in Rjasan drei auffällige Säcke mit einer geheimnisvollen weißen Substanz, an die ein auf 5:30 Uhr gestellter Zeitzünder angebracht war.

Der eilig alarmierte Sprengstoffexperte identifizierte den weißen Stoff mit Hilfe eines Gasanalysator als den Sprengstoff Hexogen. Diese hochexplosive Chemikalie wird nur vom russischen Militär und dem Geheimdienst FSB verwendet.

Letzterer beschlagnahmte den Stoff auch sofort und gab tags darauf bekannt, der weiße Stoff sei keineswegs Sprengstoff, sondern Zucker gewesen. Der FSB habe eine geheime Übung durchgeführt, um „die Einsatzbereitschaft der Polizei“ zu testen.

Regiment strafversetzt, Journalist plötzlich verstorben

Seltsam nur, dass wenige Tage später ein Soldat des bei Rjasan stationierten 137. Fallschirmjäger-Regiments seinen Tee mit dem „Zucker“ aus drei eingelagerten Säcken süßen wollte und sich so über den merkwürdigen Geschmack wunderte, dass er den „Zucker“ untersuchen ließ: Er hatte sich reines Hexogen in den Tee geschaufelt.

Noch seltsamer: Kaum wurde das bekannt, wurde das gesamte Regiment in die Bürgerkriegsrepublik Tschetschenien strafversetzt, der neugierige Soldat gar verhaftet. Ein russischer Journalist, immerhin der frühere Vize-Chefredakteur der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ und ein früherer Abgeordneter der Duma, verschied im letzten Jahr unter ungeklärten Umständen bei dem Versuch, diesen Fall noch einmal aufzurollen.

Mit dem „Bauernopfer“ der beiden angeblichen Attentäter wähnen sich Putins Wahlkampfberater wieder auf der Siegerstraße und betrachten den Fall als abgeschlossen. Verschwörungstheoretiker vermuten hinter den Ungereimtheiten dagegen eine der größten Vertuschungsaktionen der neueren russischen Geschichte.

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,283685,00.html

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